Dollar-Stablecoins: Wenn Dollar, US-Staatsanleihen und digitales Finanzwesen sich verbinden
PanewslabWenn man vor einigen Jahren über digitale Währungen diskutierte, war es leicht, sie als einen technologischen Wettlauf zu verstehen. Wer bringt zuerst eine digitale Zentralbankwährung heraus? Wessen Blockchain ist fortschrittlicher? Wessen Zahlungen sind schneller? Wer kann grenzüberschreitende Abwicklungen am traditionellen Bankensystem vorbei durchführen? Doch im Jahr 2026, nachdem der digitale Renminbi, Dollar-Stablecoins, tokenisierte Einlagen und tokenisierte Staatsanleihen alle eine erste Experimentierphase durchlaufen haben, stellt sich immer dringlicher die Frage: Geht es beim Wettbewerb digitaler Währungen wirklich um das „Digitale“ oder um die „Währung“? In zwei Artikeln stelle ich die unterschiedlichen Entwicklungswege Chinas und der USA bei der Digitalisierung des Geldes vor.
Meine Schlussfolgerung ist:
Digitale Technologie schafft keine starke Währung, verstärkt aber Netzwerkeffekte
Die Entwicklungspfade digitaler Währungen in China und den USA waren von Anfang an asymmetrisch. China wählte den typischen Weg einer digitalen Zentralbankwährung, vorangetrieben von der Chinesischen Volksbank, die das digitale Renminbi-System aufbaut.
Die USA haben bislang keinen digitalen Dollar für Privatkunden der Federal Reserve eingeführt. Was tatsächlich rasant wächst, sind private Dollar-Stablecoins wie USDT und USDC sowie tokenisierte Bankeinlagen, tokenisierte Staatsanleihen und On-Chain-Abwicklungssysteme.
Bis April 2026 beträgt die gesamte Marktkapitalisierung der Stablecoins weltweit etwa 315 Milliarden Dollar. Noch wichtiger: Die BIZ schätzt, dass rund 98 % davon auf Dollar lauten. Diese Zahlen sind äußerst bedeutsam, denn sie zeigen, dass die Blockchain-Ära keineswegs automatisch zu einer sogenannten „De-Dollarisierung“ führt. Im Gegenteil: Stablecoins werden zu einem neuen Kanal, über den der Dollar in die Internetwirtschaft gelangt.
Um zu verstehen, warum Stablecoins fast vollständig vom Dollar dominiert werden, kann man die digitale Technologie zunächst beiseitelassen und nur das traditionelle Währungssystem betrachten. Laut COFER-Daten des IWF lag der Dollar im ersten Quartal 2026 bei 57,13 % der weltweit zugewiesenen offiziellen Währungsreserven, der Renminbi bei 1,99 %.
Im Devisenhandel ist der Unterschied noch deutlicher. Die dreijährliche Erhebung der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) von 2025 zeigt, dass der Dollar bei 89,2 % aller Devisentransaktionen weltweit auf einer der beiden Seiten beteiligt ist, während der Renminbi auf 8,5 % gestiegen und damit zur fünftwichtigsten Handelswährung geworden ist. Da jede Devisentransaktion zwei Währungen umfasst, ergibt die Summe der Anteile 200 %. Man darf also nicht annehmen, dass 89,2 % aller Transaktionen ausschließlich den Dollar verwenden.
Im Juli 2026 entfielen auf den Dollar etwa 50,99 % des weltweiten SWIFT-Zahlungsvolumens, auf den Renminbi etwa 3,10 %, womit er auf Platz fünf lag. Der offizielle Global Currency Tracker von SWIFT veröffentlichte diese Monatsdaten im August 2026.
Eine Tatsache lässt sich kaum bestreiten: USDT und USDC erben in erster Linie nicht das Vertrauen der Blockchain, sondern das bereits bestehende Vertrauen und Nutzungsnetzwerk des Dollars. Ein ausländisches Unternehmen akzeptiert USDC nicht in erster Linie, weil es Circle für das Unternehmen mit der fortschrittlichsten Blockchain-Technologie der Welt hält. Es akzeptiert USDC, weil es letztlich ein Finanzinstrument erhält, das 1:1 an den Dollar gekoppelt ist, in Dollar getauscht werden kann und den Kauf von Dollar-Anlagen ermöglicht.
Nicht Stablecoins schufen die Dollar-Dominanz, sondern die Dollar-Dominanz schuf den Boden für Stablecoins
Der traditionelle Dollar ist zwar bereits äußerst stark, aber er ist kein wirklich „internetnatives Asset“. Internationale Dollarflüsse hängen weiterhin stark von Bankkonten, Korrespondenzbanken, Compliance-Prüfungen, Geschäftszeiten und der traditionellen Finanzmarktinfrastruktur ab.
Genau diese Ebene verändern Stablecoins und tokenisierte Bankeinlagen.
Sie können rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche betrieben werden, in Smart Contracts eingehen, automatisiert mit On-Chain-Finanzanlagen abgewickelt werden und die früher getrennten „Asset-Seiten“ und „Cash-Seiten“ in ein und demselben Programm zusammenführen.
Das ist nicht nur Theorie. Im Mai 2025 führten J.P. Morgan, Chainlink und Ondo einen Cross-Chain-Test durch: Tokenisierte US-Staatsanleihen und J.P.-Morgan-Dollar-Einlagen wurden in Echtzeit per Delivery versus Payment (Zug-um-Zug-Abwicklung) abgewickelt.
Besonders zu beachten ist, dass die hier verwendete Cash-Seite nicht USDT oder USDC war, sondern Dollar-Einlagen innerhalb des J.P.-Morgan-Systems.
Das Experiment der DTCC ist noch aufschlussreicher. In der Zusammenfassung ihres Great Collateral Experiment erklärte die DTCC, dass Vermögenswerte im Experiment direkt auf der Blockchain bewegt werden konnten, Regeln automatisch ausgeführt wurden und ein Teil der Sicherheitenabwicklung von früher mehreren Stunden auf wenige Sekunden verkürzt wurde.
Die Behauptung, digitale Technologie sei nur ein Gimmick, ist also offensichtlich nicht haltbar. Die zutreffende Einschätzung ist: Digitale Technologie hat das Vertrauen in den Dollar nicht geschaffen, aber sie verringert die Reibungsverluste im Dollar-System. Wenn bei einer Währung mit ohnehin enormen Netzwerkeffekten die Betriebsreibung weiter sinkt, kann ihr ursprünglicher Vorteil sogar noch verstärkt werden.
Schauen wir uns nun an, wie die Wall Street die Tokenisierung aufgreift.
Was große Finanzinstitute derzeit besonders priorisieren, sind nicht nur USDT oder USDC. Dazu gehören auch tokenisierte Bankeinlagen, tokenisierte Zentralbankreserven, tokenisierte Geldmarktfonds, tokenisierte Staatsanleihen und neue Abwicklungsinfrastrukturen.
Das von der BIZ geleitete Project Agorá ist ein gutes Beispiel dafür.
An diesem Projekt sind zahlreiche Zentralbanken und über 40 Finanzinstitute beteiligt. Getestet wird, tokenisierte Geschäftsbankeinlagen und tokenisierte Zentralbankreserven in einem programmierbaren System für grenzüberschreitende Abwicklungen zu nutzen. Dabei geht es nicht darum, einfach Stablecoins als Ersatz für Bankgeld zu verwenden.
Bei einem Test mit echten Werten im Juli 2026 absolvierten 28 Finanzinstitute und Zentralbanken 17 Transaktionsszenarien mit Währungen wie Dollar, Euro, Yen, Pfund, Won und Schweizer Franken. Die durchschnittliche Abwicklungszeit betrug etwa 80 Sekunden.
Daraus lässt sich eine wichtige Lehre ziehen:
Die „digitale Währung“, die die Wall Street künftig tatsächlich nutzt, muss nicht unbedingt die heute bekannten USDT oder USDC sein. Die endgültige Form könnte durchaus eine Koexistenz von Stablecoins, tokenisierten Bankeinlagen, Zentralbankgeld und tokenisierten Finanzanlagen sein. Die eigentliche Revolution sollte daher nicht „Stablecoin-Revolution“ heißen, sondern „Revolution der Tokenisierung von Finanzanlagen“.
Das Stablecoin-Transaktionsvolumen ist beeindruckend, aber nicht jeder On-Chain-Fluss ist „Zahlung“
Dies ist ein weiterer Punkt, an dem die Größenordnung von Stablecoins besonders leicht falsch eingeschätzt wird. Im Jahr 2025 erreichte das globale Transaktionsvolumen auf der Blockchain von Stablecoins etwa 35 Billionen Dollar. 35 Billionen Dollar sind eine enorme Summe. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schätzt jedoch, dass nur etwa 390 Milliarden Dollar der Stablecoin-Ströme tatsächlich „zahlungsbezogen“ sind.
Warum ist der Unterschied so groß?
Weil ein großer Teil der On-Chain-Stablecoin-Ströme aus Kryptowährungshandel, Ein- und Auszahlungen an Börsen, Arbitrage, Hochfrequenz-Bots, DeFi-Operationen, Smart-Contract-Aufrufen und internen Geldtransfers von Institutionen stammt. Nach Anwendung von Filteralgorithmen schätzen Visa sowie Artemis, Allium Labs und andere Institutionen das „bereinigte“ Stablecoin-Transaktionsvolumen der vergangenen zwölf Monate auf etwa 10,2 Billionen Dollar. Das ist immer noch deutlich unter dem unbereinigten Gesamtfluss. Rund 36 % des bereinigten Volumens im Jahr 2025 standen weiterhin im Zusammenhang mit Ein- und Auszahlungen an zentralisierten Börsen.
Auf der anderen Seite halten Stablecoins tatsächlich Einzug in echte kommerzielle Zahlungen. Artemis befragte 22 Stablecoin-Zahlungsunternehmen und fügte Schätzungen für elf weitere Unternehmen hinzu. Dabei zeigte sich, dass sich zwischen 2023 und August 2025 klar klassifizierbare Stablecoin-Zahlungen auf insgesamt etwa 136 Milliarden Dollar summierten. Davon erreichte das auf Jahresbasis hochgerechnete Volumen von B2B-Stablecoin-Zahlungen im August 2025 etwa 76 Milliarden Dollar.
Eine ausgewogenere Schlussfolgerung lautet daher: Stablecoin-Zahlungen wachsen schnell, aber die Behauptung, „Stablecoins hätten bereits die globalen Zahlungen und die Wall-Street-Abwicklung übernommen“, ist derzeit klar übertrieben.
Der technologische Trend ist real. Die Revolution in großem Maßstab hat noch nicht stattgefunden.
Das am meisten beachtenswerte Thema beim digitalen Dollar ist meiner Meinung nach nicht die Frage, ob man Kaffee mit USDC bezahlen kann, sondern die US-Staatsanleihen
Die Reserven großer Dollar-Stablecoin-Emittenten bestehen immer mehr aus kurzfristigen US-Staatsanleihen, Repos und Bargeld. Nehmen wir Tether als Beispiel: Laut dem von Tether veröffentlichten und von BDO geprüften Reservebericht für das vierte Quartal 2025 hielt Tether Ende 2025 direkt mehr als 122 Milliarden Dollar an US-Staatsanleihen. Rechnet man indirekte Engagements wie Overnight-Reverse-Repos hinzu, belief sich das gesamte Engagement in US-Staatsanleihen auf über 141 Milliarden Dollar. Tether gab zugleich bekannt, dass die im Umlauf befindliche Menge von USDT Ende 2025 bei etwa 186 Milliarden Dollar lag. (Hier muss angemerkt werden: Dies sind von Tether und seinem Wirtschaftsprüfer offengelegte Daten, keine staatliche Prüfung der Tether-Bilanz durch das US-Finanzministerium.)
Ähnlich verhält es sich bei Circle. Circle gibt an, dass die USDC-Reserven Bankeinlagen, Tagesgeld-Repos auf US-Staatsanleihen sowie US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu drei Monaten umfassen; der Circle Reserve Fund wird von BlackRock verwaltet.
Was die Rahmenbedingungen wirklich verändert, ist das US-Regulierungssystem. Der am 18. Juli 2025 unterzeichnete GENIUS Act schreibt vor, dass konforme Stablecoins für Zahlungen grundsätzlich mit einer 1:1-Reserve gedeckt sein müssen. Zu den erlaubten Reserveanlagen zählen Bargeld, Bankeinlagen, Repos sowie hochliquide Vermögenswerte wie US-Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von höchstens 93 Tagen.
Damit entsteht ein neuer Finanzkreislauf:
Nutzer weltweit kaufen Dollar-Stablecoins
→ Stablecoin-Emittenten erhalten Dollar
→ Ein großer Teil der Reserven fließt in kurzfristige US-Staatsanleihen und den Repo-Markt
→ US-Staatsanleihen dienen als Reserveanlagen für Stablecoins
→ Stablecoins verteilen den Dollar weiter ins globale Internet
→ Mehr Stablecoin-Nachfrage kann wiederum neue Nachfrage nach US-Staatsanleihen erzeugen.
Das ist nicht mehr nur eine Zahlungsinnovation, sondern entwickelt sich zu einem neuen Bindeglied zwischen dem globalen Dollar-Netzwerk und dem Markt für US-Staatsanleihen.
Der heutige Aufstieg der Dollar-Stablecoins lässt sich daher weder allein auf die Blockchain-Technologie zurückführen noch einfach mit der Stärke des Dollars erklären.
Tatsächlich geschieht etwas anderes:
Die Währungsvorteile des Dollars, die Vermögensvorteile der US-Staatsanleihen und die Liquiditätsvorteile der US-Finanzmärkte verbinden sich mit einer neuen digitalen Finanzinfrastruktur.
Genau das macht den digitalen Dollar so bedeutsam.
Dieser Inhalt dient nur zu Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Investitionsberatung in Bezug auf BTCC dar. BTCC unternimmt alle Anstrengungen, kann jedoch nicht die Wahrheit, Genauigkeit oder Originalität des oben stehenden Inhalts garantieren.